Glauben

On 29/12/2009, in Privates, by Sandra

Manchmal beneide ich die Gläubigen. Sei es ihr Glaube an Gott oder etwas anderem. In Zeiten der Not haben sie immer jemanden bei sich oder etwas, woran sie fest halten können, das ihnen Mut gibt und sie stärkt, ihnen Kraft und Trost spendet.

Und dann gibt es Tage, an denen ich nur den Kopf über so viel Dummheit schütteln kann. Dann verziehe ich immer ertappt den Mund und ermahne mich, immer tolerant anderen gegenüber zu sein.

Ich selber bin Atheist. Ich glaube nicht an Gott. Ich stelle sogar seine Existenz in Frage. Das Universum und alles dazu ist einfach ein Produkt eines unkontrollierten Zusammenstoßes von Teilchen und der daraus resultierenden Explosion. Reiner Zufall. Und irgendwann kühlte sich einer der Planeten ab und das Universum hatte sich soweit eingependelt, dass sich Leben bilden konnte, dessen Grundlage ebenfalls reinzufällig ist. Naturgesetze sind einfach irgendwann entstanden. Sie hätten auch anders lauten können. Das ist meine Ansicht. Das Leben hat keinen Sinn. Wer ohne Sinn nicht leben kann, soll sich bitteschön einen suchen.

Aber wenn ich dann alleine bin und ganz dringend Hilfe benötige, dann erwische ich mich des Öfteren, wie ich ein kleines Stoßgebet gen Himmel sende. Still und klammheimlich. Und dann wünsche ich mir, dass es dort oben wirklich jemanden gibt, der mich hört und mir hilft.

Nur dass mir mein Kopf sagt: Du spinnst!

Nicht zu glauben hilft mir nicht, aber glauben kann ich auch nicht, ich empfinde es als lächerlich und hilft mir daher auch nicht.

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Ich habe mir vorgenommen, wenn ich ein Buch gelesen habe, darüber zu schreiben. Ich lese für mein Leben gern Bücher, aus allen Richtungen (bis auf wenige Ausnahmen allerdings keine Romanzen). Und vielleicht ist ja einer dabei, der das hier liest, auch gerne Bücher liest und sich darüber freut.

Heute habe ich ein interessantes Buch von Jorge Bucay zu Ende gelesen. Es heißt: ?Komm, ich erzähl dir eine Geschichte?.

Auf der Rückseite des Buchumschlages steht folgendes geschrieben:

 

?Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen ? Erwachsenen, damit sie aufwachen.?

 

Allein dieser Satz hat mein Interesse schon geweckt. Nicht zuletzt auch Gisela (meine Chefin), welche das Buch schon vor mir gelesen hat.

 In diesem Buch geht es um Demian, der zu einem Therapeuten ? Jorge ? geht, um sein Leben besser in den Griff zu bekommen und zu verstehen, was in der Welt dort draußen eigentlich vor sich geht. Erzählt wird aus Demian?s Perspektive. Jorge erzählt Demian Märchen und kleine Geschichten um ihm die Welt zu verbildlichen. In jedem Kapitel gibt es eine neue Story. Dabei geht es um Themen wie Gewohnheiten, Beziehungen, Gut und Böse, oder woher man weiß, ob einem eine Therapie überhaupt etwas nützt.

Jorge Bucay, Autor dieser Geschichte, wurde 1949 in Buenos Aires, Argentinien geboren und ist selbst ein angesehener Psycho- und Gestalttherapeut. Alle, die mit diesem Begriff ?Gestalttherapeut? nichts anfangen können, sollten das Buch lesen. Dazu gibt es auch eine nette und vor allen Dingen lustige Geschichte.

Ich habe jeden Tag vor dem Einschlafen immer noch zwei drei Geschichten gelesen und bin ein ums andere Mal mit einem verblüfften Kopfschütteln und einem kleinen Lächeln eingeschlafen.

Falls ihr dieses Buch auch gelesen habt, würde ich mich über Kommentare freuen. Alle anderen sind natürlich auch erwünscht.

Um euch die Sache jetzt auch etwas zu versüßen, lasst mich euch ebenfalls eine Geschichte erzählen:

 

?Als ich ein kleiner junge war, war ich vollkommen vom Zirkus fasziniert, und am meisten gefielen mir die Tiere. Vor allem der Elefant hatte es mir angetan. Wie ich später erfuhr, ist er das Lieblingstier vieler Kinder. Während der Zirkusvorstellung stellte das riesige Tier sein ungeheueres Gewicht, seine eindrucksvolle Größte und seine Kraft zur Schau. Nach der Vorstellung aber und auch in der Zeit bis kurz vor seinem Auftritt blieb der Elefant immer am Fuß an einen kleinen Pflock angekettet.

Der Pflock war allerdings nichts weiter als ein winziges Stück Holz, das kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde steckte. Und obwohl die Kette mächtig und schwer war, stand für mich ganz außer Zweifel, dass ein Tier, das die Kraft hatte, einen Baum mitsamt der Wurzel auszureißen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock befreien und fliehen konnte.

Dieses Rätsel beschäftigt mich bis heute. Was hält ihn zurück?

Warum macht er sich nicht auf und davon?

Als Sechs- oder Siebenjähriger vertraue ich noch auf die Weisheit der Erwachsenen. Also fragte ich einen Lehrer, einen Vater oder Onkel nach dem Rätsel des Elefanten. Einer von ihnen erklärte mir, der Elefant mache sich nicht aus dem Staub, weil er dressiert sei.

Meine nächste Frage lag auf der Hand: ?Und wenn er dressiert ist, warum muss er dann noch angekettet werden??

Ich erinnere mich nicht, je eine schlüssige Antwort darauf bekommen zu haben. Mit der Zeit vergaß ich das Rätsel um den angeketteten Elefanten und erinnerte mich nur dann wieder daran, wenn ich auf andere Menschen traf, die sich dieselbe Frage irgendwann auch schon einmal gestellt hatten.

Vor einigen Jahren fand ich heraus, dass zu meinem Glück doch schon jemand weise genug gewesen war, die Antwort auf diese Frage zu finden:

Der Zirkuselefant flieht nicht, weil er schon seit frühester Kindheit an einen solchen Pflock gekettet ist.

 Ich schloss die Augen und stellte mir den wehrlosen neugeborenen Elefanten am Pflock vor. Ich war mir sicher, dass er in diesem Moment schubst, zieht und schwitzt und sich zu befreien versucht. Und trotz aller Anstrengung gelingt es ihm nicht, weil dieser Pflock zu fest in der Erde steckt.

Ich stellte mir vor, dass er erschöpft einschläft und es am nächsten Tag gleich wieder probiert, und am nächsten Tag wieder, und am nächsten?. Bis eines Tages, eines für eine Zukunft verhängnisvollen Tages, das Tier seine Ohnmacht akzeptiert und sich in sein Schicksal fügt.

Dieser riesige, mächtige Elefant, den wir aus dem Zirkus kennen, flieht nicht, weil der Ärmste glaubt, dass er es nicht kann.

Allzu tief hat sich die Erinnerung daran, wie ohnmächtig er sich kurz nach seiner Geburt gefühlt hat, in sein Gedächtnis eingebrannt.

Und das schlimmste dabei ist, dass er diese Erinnerung nie wieder ernsthaft hinterfragt hat.

Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die Probe zu stellen.?

 

Quelle:

Jorge Bucay ? Komm, ich erzähle dir eine Geschichte

Seite 7 bis 9

Fischerverlag

ISBN 978-3-596-17092-0

? (D) 8,95

? (A) 9,20

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