Gedankenwelt

„Ich habe eine sehr kurze Aufmerksamkei….. oh, ein Vögelchen!“

Kennt ihr das?

Mir passiert das ständig.

Beim Denken und beim Sprechen.

Ich kann nichts zu Ende bringen. Weil ich unterwegs abgelenkt werde. Und am Ende weiß ich nicht mehr, was ich sagen wollte. Manchmal muss ich nicht mal abgelenkt werden. Dann verliere ich von ganz alleine den Faden. Klappt auch ganz gut. Ist dann nur umso peinlicher.

Heute Morgen erst wieder, da bin ich mit der Gedankenwelt völlig abgeschweift. Ich saß in der Bahn und hab versucht einfach an nichts zu denken. Ich war müde, hatte keine Lust ins Büro zu fahren und glotzte stumpf vor mich her. Dabei wandern meine Blicke oft ganz unbewusst zu den Klamotten, welche die anderen Fahrgäste tragen. Ebenso unbewusst scanne ich dann die Tragekombinationen, die Accessoires, die Frisuren, das Make-Up… schätze, das ist so ein Frauending.

Jedenfalls bin ich da mit meinem Blick am Outfit eines jungen Mannes hängen geblieben. Er sah so aus, als würde er wenigstens in die Oberstufe gehen, vielleicht hat er auch gerade mit dem Studium angefangen. Da dachte ich einen Augenblick daran, wie schön es wäre, jetzt in die Schule zu gehen. Was echt was heißen will, denn eigentlich bin ich nie gerne zur Schule gegangen.

Ich fand Schule immer doof. Außer nach Beginn der Sommerferien. Da habe ich meine Schultasche gepackt mit all den schönen neuen Dingen, die ich mir in den Ferien extra für die Schule zugelegt habe. Und ich habe mir meine neuen Klamotten angezogen. Ich nahm mir vor, dass dieses Jahr alles besser werden würde.

Einen Tag später war wieder alles beim Alten.

Ihr kennt das.

Ich hatte immer das Glück nicht viel lernen zu müssen. Nicht, dass ich ein gutes Gedächtnis gehabt hätte. Tatsächlich muss ich mir im Büro jedes Telefonat sofort mitschreiben, da in meinem Gehirn im Hintergrund ein Automatismus abläuft, der dafür sorgt, dass bei der Handbewegung „Hörer auflegen“ sofort alles aus dem Kurzzeitgedächtnis gelöscht wird. Der Platz könnte ja wieder benötigt werden.

Nein, bei mir lief das anders: wenn ich etwas vom Prinzip her verstanden habe, war alles andere kein Problem mehr. Ich muss das Prinzip dann nur noch anwenden. Daher hatte ich in Mathe immer gute Noten. Einmal verstanden wie die Gleichung funktioniert, hatte ich fast immer alles richtig. Das war wohl auch der Grund, warum ich mit Fächern wie VWL und Politik nie durchgeblickt habe. Ich persönlich finde, es gibt nichts undurchsichtigeres wie politisches Geschwafel. Und alle, was damit zu tun hat.

Sport fand ich übrigens auch immer doof.

Worauf wollte ich hinaus?

Ich weiß es nicht mehr.

Jedenfalls fand ich Schule immer doof. Ganz besonders als Morgenmuffel. Ich bin morgens einfach nicht aufnahmebereit.

Trotzdem war es manchmal einfacher. Ich weiß, dass man damals genug Probleme hatte. Und so manch einer wird sich das gerade denken. Ich erinnere mich gut an die Zeiten. Ich sehnte mich danach, endlich erwachsen zu sein und selbst Entscheidungen treffen zu dürfen. Und dennoch, im Vergleich zum Erwachsensein war damals vieles einfacher.

Und diese Einfachheit ist das, was ich vermisse.

Dabei musste ich unweigerlich daran denken, was mir meine VWL-Lehrerin einmal gesagt hatte. Es ging damals darum, dass wir uns Praktika im kaufmännischen Bereich suchen mussten (ich bin auf eine Höhere Handelsschule gegangen. Kaufmännische Praktika waren Pflicht – andere Bereiche waren nicht erlaubt). Ich wollte mein Praktikum in der Kanzlei meines Onkels machen. Nach dem Praktikum entschied ich mich sogar dafür, Rechtsanwaltsfachangestellte zu werden. Meine Lehrerin war erstaunt darüber, dass ich mich dafür entschieden habe; ihrem Gefühl nach war sie davon ausgegangen, ich würde mich eher für die Richtung Industriekauffrau interessieren.

Ich schätze, jetzt kommen wir an den Punkt, um den es mir geht:

Entscheidungen.

Hilfestellungen.

Unwissenheit.

Von Hökschen auf Stöckchen.

Diese Begriffe klingen jetzt wohl erstmal völlig zusammenhanglos. Sind sie aber gar nicht. Jedenfalls nicht für mich. Und vielleicht kann der ein oder andere sogar am Ende dieses Geschwafels nachvollziehen warum.

Ich konnte mit dem Begriff Industriekauffrau nichts anfangen. Ich wohnte noch zuhause, dort hatte ich kein Internet. Ich hatte in meinem Bekanntenkreis niemanden, wo ich mal eben hätte Industriekauffrau „googeln“ können. Ich wohnte damals noch bei meiner Mutter. Mehr als „Friseur“ und „Kassiererin“ kannte sie nicht. Ich kannte nur wenig mehr (Arzt, Pilot, Anwalt, Sekretärin…. Und da hört es auch schon fast wieder auf.). In der Schule gab es leider diesbezüglich nur wenig Angebote.

Einmal bin ich auch beim Arbeitsamt gewesen. Wirklich anderes als Sekretärin kam da auch nicht raus. Die Allianz war auch mal bei mir in der Schule und hat einen langen, wirklich langen schriftlichen Test mit uns gemacht und uns auf Grundlage dieses Tests eine ausgewertete Berufsperspektive mitgeteilt. In diesem Brief stand, ich wäre eine super Kindergärtnerin. An dieser Stelle sei festgehalten, dass ich nicht nur nicht mit Kindern umgehen kann, ich h***e sie sogar. Ich möchte sie am liebsten bei Wasser und Brot in einen dunklen Raum sperren und erst wieder raus lassen, wenn ihre Eltern sie abholen.

Ich fühlte mich zu diesem Zeitpunkt recht hilflos.

Ich komme also nicht umhin mich zu fragen: was hätte aus mir werden können?

Was hätte aus euch werden können?

Würde ich heute trotzdem mit der Bahn ins Büro fahren und solch doch eher sinnfreien Gedanken hinterherjagen? Die Kleidung der Mitfahrer beglotzen, zu müde, das Buch endlich weiterzulesen, welches ich seit einem Jahr zerknittert in meiner Tasche spazieren trage?

Es gab eine Zeit, da wollte ich Pilotin werden. Ich fand das ungemein spannend. Die Voraussetzungen hierfür habe ich nicht erfüllt. Es gab auch wenig Anlaufstellen, die mich interessiert haben. Eigentlich nur eine: die Lufthansa. Ich wollte nicht den ganzen Tag zwischen Düsseldorf und München fliegen. Ich wollte über’s Meer hinaus. Langstreckenflüge. In andere Länger fliegen. Die Voraussetzungen hierfür sind (verständlicherweise) hoch angelegt: u. a. gute Augen, am Besten nicht gelasert, Abitur, gute körperliche Konstitution, hohe Belastbarkeit (auch psychisch), fließend Englisch, sehr gute Physikkenntnisse etc.

Meine Augen sind miserabel. Auf der höheren Handelsschule konnte ich nur das Fachabitur machen. Körperlich war ich nicht unbedingt fit.

Ich machte also Sport, versuchte meine Augen zu trainieren und besorgte mir erste Bücher, um mein Abi nachzuholen. Aber ich scheiterte. Ich wurde älter. Und irgendwann hat man ein Alter erreicht, bei dem man sich die Bewerbung für eine Ausbildung zur Pilotin bei der Lufthansa abschminken kann.

Ich fühlte mich weiter hilflos.

Vielleicht hätte sich das alles anders ergeben, wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte (wobei dies nichts daran geändert hätte, dass ich ein Blindfisch bin).

Das Praktikum bei meinem Onkel habe ich letztlich gemacht, weil ich dort schnell an ein Praktikum gekommen bin. Dass es einen Berufsausbildungslehrgang gibt, der sich Rechtsanwaltsfachangestellte nennt, habe ich erst durch meine Mutter erfahren. Ich bin einfach so von einem Punkt in meinem Leben zum nächsten gefallen. Von Hökschen auf Stöckchen.

Und heute bin ich hier.

Ich weiß noch immer nicht, was sich geändert hätte. Ich zerbreche mir den Kopf über ungelegte Eier. Es ist manchmal etwas frustrierend. Und dann bin ich dankbar dafür, dass in meinem Kopf so ein Durcheinander herrscht. Denn plötzlich bin ich bei dem Poncho meiner Sitznachbarin. Optimal für so ein Wetter.

Für mich ist Gedankenchaos ein Fluch.

Manchmal auch ein Segen.

Dieser Post sollte auf nichts hinaus. Jedenfalls nicht, dass ich mich erinnern könnte.