Dieses Buch kann man getrost als ?2. Teil?, als direkten Nachfolger seines Buches ?Komm, ich erzähl dir eine Geschichte? bezeichnen.
Wie auch im ersten Buch erzählt Jorge Bucay hier Geschichten. (Wer etwas über Jorge Bucay wissen möchte, schaut sich einfach hier meine erste Vorstellung dieses Autors an.) Anders als vorher allerdings hat man hier keine zwei Persönlichkeiten, die sich mittels dieser Geschichten verständigen. Jedes Kapitel ist eine in sich abgeschlossene Erzählung. Sie sollen uns lehren, uns zu verstehen geben. Womit ich mich persönlich dieses Mal weitaus schwerer getan habe. Selten hat der Titel eines Buches so sehr gepasst wie hier.
Wer für abends nette kleine Geschichten zum Einschlafen sucht ist hier definitiv falsch. Sie regen zum Nachdenken an, fordern auf sich auseinander zu setzen. Und ich gestehe: es gibt mindestens eine Geschichte (?Die Geschichte in der Geschichte?), die ich par tout bis heute nicht begriffen habe, und bin dennoch fasziniert.
Ich kann es in jedem Fall nur weiter empfehlen. Nicht unbedingt leichte Kost, aber sollte mit seinen 137 Seiten auch niemanden überfordern.
Um euch auch wie beim letzten Mal einen kleinen Auszug zu präsentieren, habe ich dieses Mal lange suchen müssen. Jede einzelne Geschichte ist es wert erwähnt zu werden.
?Sich klarwerden?
(Seite 40)
(?)
?Ich sehe morgens auf.
Und gehe aus dem Haus.
Auf dem Bürgersteig ist ein sehr tiefes Schlagloch.
Ich sehe es nicht
Und falle hinein.
Am nächsten Tag
gehe ich aus dem Haus,
vergesse das Schlagloch auf dem Bürgersteig
und falle wieder hinein.
Am dritten Tag
gehe ich aus dem Haus und versuche
an das Schlagloch auf dem Bürgersteig zu denken.
Doch
ich erinnere mich nicht daran
und falle hinein.
Am vierten Tag
gehe ich aus dem Haus und versuche
an das Schlagloch auf dem Bürgersteig zu denken.
Ich denke daran,
übersehe es jedoch trotzdem
und falle hinein.
Am fünften Tag
gehe ich aus dem Haus.
Ich denke daran,
mich vor dem Schlagloch auf dem Bürgersteig
hüten zu müssen,
und hefte meinen Blick auf dem Boden.
Ich sehe es
und
falle trotzdem hinein.
Am sechsten Tag
gehe ich aus dem Haus.
Ich denke an das Schlagloch im Bürgersteig.
Ich halte danach Ausschau.
Ich sehe,
versuche darüberzuspringen,
aber falle hinein.
Am siebten Tag
gehe ich aus dem Haus
und sehe das Schlagloch.
Ich nehme Anlauf,
springe,
berühre mit der Fußspitze knapp die andere Seite,
aber eben nur knapp, und falle hinein.
Am achten Tag gehe ich aus dem haus,
sehe das Schlagloch,
nehme Anlauf,
springe
und erreiche die andere Seite!
Vor lauter Stolz, es geschafft zu haben,
mache ich Freudensprünge
und
falle wieder in das Loch.
Am neunten Tag gehe ich aus dem Haus,
sehe das Schlagloch,
nehme Anlauf,
überspringe es
und setze meinen Weg fort.
Am zehnten Tag,
nämlich heute,
wird mir klar,
dass es viel einfacher wäre?
auf der anderen Straßenseite
zu gehen.?
Jorge Bucay
Geschichten zum Nachdenken
Fischer Verlag
ISBN 978-3-596-17691-5
? (D) 8,95
? (A) 9,20
Manchmal beneide ich die Gläubigen. Sei es ihr Glaube an Gott oder etwas anderem. In Zeiten der Not haben sie immer jemanden bei sich oder etwas, woran sie fest halten können, das ihnen Mut gibt und sie stärkt, ihnen Kraft und Trost spendet.
Und dann gibt es Tage, an denen ich nur den Kopf über so viel Dummheit schütteln kann. Dann verziehe ich immer ertappt den Mund und ermahne mich, immer tolerant anderen gegenüber zu sein.
Ich selber bin Atheist. Ich glaube nicht an Gott. Ich stelle sogar seine Existenz in Frage. Das Universum und alles dazu ist einfach ein Produkt eines unkontrollierten Zusammenstoßes von Teilchen und der daraus resultierenden Explosion. Reiner Zufall. Und irgendwann kühlte sich einer der Planeten ab und das Universum hatte sich soweit eingependelt, dass sich Leben bilden konnte, dessen Grundlage ebenfalls reinzufällig ist. Naturgesetze sind einfach irgendwann entstanden. Sie hätten auch anders lauten können. Das ist meine Ansicht. Das Leben hat keinen Sinn. Wer ohne Sinn nicht leben kann, soll sich bitteschön einen suchen.
Aber wenn ich dann alleine bin und ganz dringend Hilfe benötige, dann erwische ich mich des Öfteren, wie ich ein kleines Stoßgebet gen Himmel sende. Still und klammheimlich. Und dann wünsche ich mir, dass es dort oben wirklich jemanden gibt, der mich hört und mir hilft.
Nur dass mir mein Kopf sagt: Du spinnst!
Nicht zu glauben hilft mir nicht, aber glauben kann ich auch nicht, ich empfinde es als lächerlich und hilft mir daher auch nicht.